Drück mich! Umarmung gefällig!

Dass uns gewohnte Begrüßungsrituale wie eine Umarmung pandemiebedingt vorübergehend untersagt waren, hat uns auch deutlich vor Augen geführt, wie wichtig sie für uns sind.

Fist Bump, Schulterklopfen, ein freundliches Handheben oder Kopfnicken. Vielleicht ein lockerer Foot-Shake oder die für uns in Zentraleuropa eigentlich völlig ungewohnte Namaste-Verbeugung? Wie begrüßen Sie sich denn heute unter Freunden, im Familienkreis oder im Business-Meeting? Umarmen Sie, küssen Sie sich schon wieder ganz so, wie das vor dem Ausbruch der Pandemie war?

»Wenn uns gewohnte Verhaltensweisen wie das Umarmen – aus welchen Gründen auch immer – genommen beziehungsweise untersagt werden, dann macht das natürlich etwas mit uns«, sagt Mag. Thomas Blasbichler, Psychologe im Gesundheitszentrum Park Igls. Bei den in unserem Lebensraum gewohnten Begrüßungsritualen hätten wir das alle ganz deutlich gespürt und erlebt. »Wir alle haben uns in den letzten eineinhalb Jahren in Situationen wiedergefunden, die uns verunsichert, vielleicht verstört haben. Situationen, in denen wir uns nicht sicher waren, wie wir Hallo sagen sollten. Wie das Gegenüber darauf regiert oder es allen im Raum Anwesenden auch angemessen erscheint«, so Blasbichler. Wenn gewohnte Begrüßungsrituale oder -gesten wie eine Umarmung nicht mehr sein dürfen, passiert im wahrsten Sinne ein »Social Distancing«.

Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

»Nähe ist von Geburt an doch Teil unseres Lebens. Ich gehe sogar so weit, dass ich sage, Nähe ist für uns überlebenswichtig. Wenn wir in den Arm genommen werden, fühlen wir im Idealfall Sicherheit, Zuneigung, vielleicht Liebe, Trost oder Vertrauen. Alles, was wir gerne fühlen.« Werden wir uns das Umarmen nehmen lassen? »Niemals!«

Mag. Thomas Blasbichler – Klinischer und Gesundheitspsychologe, Sportpsychologe, spezialisiert auf Prävention, Coach

„NEGATIVE BEEINFLUSSUNG DER KOMMUNIKATIONSBEZIEHUNG“

Diese Distanziertheit sei immer einschneidend, oftmals auch mit Verunsicherung verbunden. »Denn es beeinflusst vor allem auch unsere wechselseitige Kommunikationsbeziehung negativ, die durch das Fehlen einer in unserem Kulturkreis eigentlich gewohnten Nähe erschwert wird«, erklärt der Experte. Abgesehen davon erfordern derartige Begegnungen und Situationen – wo etwa auch noch Mund-Nasen-Schutz oder Gesichtsmasken getragen werden – ein besonders hochkomplexes Agieren und Reagieren innerhalb von Sekundenbruchteilen, um eine positive Beziehung gestalten zu können.

»Das sind wir natürlich überhaupt nicht gewohnt, woher sollten wir das also auf Anhieb können«, sagt Blasbichler dazu. In einem Krankenhaus-OP zum Beispiel sei das medizinische Personal solche Bedingungen und diese durch das Maskentragen spezielle Kommunikationssituation gewohnt. Draußen waren wir alle, die damit nicht dauernd konfrontiert sind, anfangs extrem überfordert. Hoppalas in so einem neuen Kommunikationsprozess seien also völlig normal.

UMARMUNG – KOOPERATIONSBEREITSCHAFT WIRD AUSGEDRÜCKT

Mit einem Handschlag, Wangenküsschen oder einer Umarmung sagen wir viel mehr als nur »Servus!«, »Ciao!« oder »Hello!«. Wir drücken vor allem auch Kooperationsbereitschaft aus. Durch Nähe und Distanz, die wir selbst bestimmen, definieren wir Menschen gleichzeitig unsere Beziehung zueinander. Blasbichler: »In der Psychologie sagen wir: Nähe steht für eine enge Kommunikation, Distanz für Fremdheit. Jeder kennt das, man muss sich nur folgende Begrüßungssituationen vorstellen: eine besonders innige Umarmung der besten Freundin oder des besten Freundes, die oder den man lange nicht gesehen hat. Und die Situation eines Handschlags zur Begrüßung eines neuen geschäftlichen Kontaktes. Das macht den Unterschied klar.«

Nachfolgend zwei eindrückliche Beispiele von Menschen, für die die Krise positive bzw. negative Auswirkungen hatte:

EIN KRISENGEWINNER

Der tägliche Weg in die Arbeit – eine enorme Kraftanstrengung. Das Haus verlassen – generell ein schwieriges Unterfangen. Er tat es selten, kam kaum raus. Seine soziale Phobie ließ das nicht zu. Angst im sozialen Kontext war sehr stark ausgeprägt. Die vielen Termine bei Ärzten und Therapeutinnen verstärkten dies. Unzählige Tage im Jahr war er von der Arbeit krankgeschrieben. Dann kam die Corona-Pandemie. Alles wurde für ihn anders. Besser. Homeoffice – eine riesige Erleichterung, weil er nicht mehr raus und unter Menschen musste. Damit verbunden hatte er mehr Zeit und Energie, sich den Tag mit Sport und Bewegung zu füllen.

Am Beginn der Einschränkungen und der harten Lockdowns ging er so viel an die Luft wie noch nie zuvor. Er habe sich noch nie so frei gefühlt wie in diesen Wochen, sagt er. Warum? Da war einfach niemand, der ihm Angst machte. Die Menschen, denen er begegnete, machten einen großen Bogen um ihn. Wie sehr er das genoss. Seinen starken Impuls des Abstandhaltens musste er gar nicht mehr unterdrücken. All das fühlte sich so vollkommen richtig an. Es war, erzählt er, als sei die Gesellschaft in sein ängstliches Schiff zugestiegen. Im Gegensatz zu den anderen war ihm hier allerdings schon alles vertraut. Sehr vertraut. Plötzlich war das Leben schön. Er besorgte sich einen Hometrainer, nahm an Yoga-Lektionen per Video-Streaming teil, kochte bewusst.

Bis heute habe er das Privileg der Heimarbeit, wie er das nennt. Er gibt an, immer noch leistungsfähig zu sein. Seit März 2020 war er nicht mehr krank. Kein Arzttermin, das war für ihn einfach unglaublich. Ihm ist völlig klar, dass in dieser unsicheren Zeit einer Pandemie sehr viele Menschen leiden und Schreckliches durchmachen und mit furchtbarem Leid konfrontiert sind. Es klinge daher für sehr viele Menschen komisch, aber er fühle sich in dieser unwirklichen Situation als Krisengewinner. Für die Gesellschaft wünschte er sich, dass bald wieder Normalität einkehre. Auch wenn er weiß, dass ihn das dann wieder stark einschränken wird.

EIN KRISENVERLIERER

Vier. Sieben. Zehn. Die geliebten Kinder in einem herausfordernden Alter. Sie? Verheiratet, voll im Leben. Voll im Berufsleben. Als glücklich bezeichnet sie das selbst, und erfolgreich. In den besten Jahren, wie man das allgemein ganz gerne sagt. Finanzielle Sorgen oder Existenzängste kennt diese starke Frau nur aus Erzählungen. Sie genießt ihre Entscheidungsfreiheit, was Reisen und Urlaube betrifft. Weiß, dass ihre Zukunft sorgenfrei ist. Dann die Corona-Pandemie und ihr Leben, wie sie es bis dahin kannte, auf den Kopf gestellt. Komplett. 180 Grad. Was das heißen und mit welcher Wucht sie das aus der gewohnten Bahn werfen würde, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch in keiner Weise. Die Leichtigkeit, mit der sie bis jetzt ihr Leben lebte und meisterte – dahin.

Schulschließungen, Distance Learning, Ausgehverbote, Einschränkungen. Eingesperrt sein beziehungsweise sich eingesperrt zu fühlen und das über viele Monate hinweg. Zu viel. Einfach zu viel für mich, beteuert sie. Neben ihrem beruflichen Alltag muss sie als Hausfrau, Köchin, Lehrerin, Putzfrau und Mama funktionieren. Jeden Tag. Sieben Tage die Woche. Sie schaffte es nicht mehr, sich abzugrenzen.

Mit ihren Aufgaben war sie allein gelassen, erzählt sie. Der Ehemann half nicht. Ohne Distanz und ihre gewohnten Freiheiten geriet sie in einen Zustand von Dauerstress. Nur wenig später: Schlafstörungen, heftige Migräneattacken, Erschöpfung, Angststörungen und Panikattacken. Typische Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen, Angst und depressive Störungen werden ihr später diagnostiziert. Hilfe anzunehmen, das fiel ihr nie leicht. Sie, die anderen gerne hilft, aber dabei allzu oft auf sich vergisst. Weil sie alleine nicht vom Fleck kam und der Leidensdruck zu groß wurde, hat sie sich dann doch psychologische Hilfe gesucht. Gefunden und angenommen. Ich bin eine Krisenverliererin, sagt sie, aber kämpfe mich da raus. Das wird mich resilienter machen und mir meine Lebensqualität zurückbringen.