Aus voller Lunge leben

Die Lunge, ein „sensibles Organ“, unter dem Mikroskop

Lungenfacharzt Dr. Jörg Duftner bezeichnet die Lunge als ein „sensibles Organ“. Da liegt die Frage nahe, was wir tun können, um sie zu schützen und gesund zu erhalten. Im Gespräch mit Chefarzt Dr. Peter Gartner und Konsiliararzt Dr. Duftner geht es auch um Erkrankungen der Lunge wie COPD sowie die Folgen einer Corona-Infektion.

Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

Jörg Duftner:

  • Der Aufbau der Lunge gleicht einem Baum. Die Luftröhre bildet den Stamm, der sich in zwei große Äste, die Lungenflügel, verzweigt. Die Bronchien fungieren als Transportwege, über die die eingeatmete Luft in die Alveolen – oder Lungenbläschen – gelangt. Das sind die Blätter des Baumes, in denen der Luftaustausch stattfindet. Lebensnotwendiger Sauerstoff gelangt in den Blutkreislauf, schädliches CO 2 wird abgegeben und kann ausgeatmet werden.

Peter Gartner:

  • Bei diesem Punkt schließt sich die Mayr-Medizin an. Wir verwenden nicht nur den Baum als Symbol für den Darm, sie weiß auch um den Zusammenhang zwischen Atmung und Bauchraum. Die Atmung funktioniert wie ein Blasebalg, den man mit Muskelkraft aufbläst und der sich von selbst zusammenzieht. Am Zwerchfell, dem wichtigsten Atemmuskel, sind die inneren Organe wie an einer Kuppel angebunden. Werden sie zu schwer, etwa durch einen zu hohen Fettanteil wie bei einer Fettleber, so beeinträchtigen sie die Funktion des Zwerchfells. Es kann sich dann nicht mehr frei bewegen.

Jörg Duftner:

  • Diese Atemmechanik beobachte ich tagtäglich im Röntgen. Ich sehe, wie atemverschieblich das Zwerchfell ist und wie sehr es die Atmung unterstützt. Das reicht von gesunden fünf bis sechs Zentimetern, kann aber sogar gegen null gehen, wenn es quasi »einbetoniert« ist. Bei derartigen Schädigungen nehmen Patienten oft die Atemhilfsmuskulatur, beispielsweise die Schultermuskeln, zu Hilfe. Das sieht man etwa, wenn sich Menschen aufstützen müssen, um wieder zu Atem zu kommen. Ein Versuch: Probieren Sie doch selbst einmal, die Atmung zu fühlen. Legen Sie die Hand auf den Bauch und lassen Sie beim Einatmen den Bauch locker nach außen fallen. Dann bekommen Sie mehr Luft.

Duftner:

  • Für mich gibt es vier wesentliche Säulen der Gesunderhaltung. Sie beugen gleichzeitig allen Infektionserkrankungen vor.
  1. Die erste und größte Quelle der Lungenschädigung sind Aktiv- bzw. Passivrauchen. Raucher und Raucherinnen haben eine niedrige Schwelle für alle schädlichen Keime.
  2. Bewegung im Kraft- und im Ausdauerbereich ist das beste Atemmuskeltraining. Außerdem sorge ich damit für eine gute Ventilation und Belüftung der Lunge. Keime mögen es schön warm und gemütlich, deshalb rate ich auch im Winter jeden zweiten oder dritten Tag zu Bewegung in frischer Luft.
  3. Für mich gehört auch die medikamentöse Therapie zur Gesunderhaltung, sozusagen als Schutzschirm. Dabei spreche ich nicht unbedingt von Medikamenten, aber Impfungen – gegen Grippe, Pneumokokken, Keuchhusten und jetzt Covid-19 – sind aus meiner Sicht wichtig.
  4. Ernährung. Wir haben vorhin die Einschränkung des Zwerchfells durch Übergewicht besprochen. Wir wissen aber auch um den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Asthma. So haben adipöse Kinder ein massiv erhöhtes Risiko, Asthma zu entwickeln.

Gartner:

  • Ein sanierter Darm ist ebenfalls ein guter Schutz gegen Infektionskrankheiten. Da sprechen wir nicht nur vom Übergewicht, sondern auch von der Qualität der Nahrung und vom richtigen Kauen, das die gesunde Nahrungsaufnahme im Körper erst ermöglicht. Natürlich spielt auch die individuelle Verträglichkeit von Lebensmitteln eine Rolle. Außerdem lieben die Bronchien ausreichende Flüssigkeitszufuhr, wie wir sie auch bei der Mayr-Kur empfehlen. Viel trinken (Wasser oder Tee) fördert die Gesundheit der Bronchien.

Duftner: 

  • Die Frage nach dem Risiko der FFP2- Masken wird kontroversiell diskutiert. Für mich sind die Masken ein guter Eigenschutz, um keine infektiösen Aerosole einzuatmen, und die meisten Menschen tragen sie nur für kurze Zeit. Bei Berufsgruppen, für die das Tragen des Mund-Nasen- Schutzes vorgeschrieben ist, rate ich zu regelmäßigen Pausen. Ich sehe allerdings keinen Anlass zur Besorgnis in Bezug auf Lungenschädigungen.

Duftner:

  • Derzeit behandle ich täglich mehrere Patienten nach Corona-Infektionen, wobei die Symptomatik vielfältig ist. Vereinzelt sehen wir immer noch Flecken in der Lunge, manche haben eine eingeschränkte Lungenfunktion. Bei anderen gibt es ein unauffälliges Röntgenbild, die Lungenfunktion ist normal, sie klagen aber trotzdem über Beschwerden. Da kann man nur spekulieren, dass immer noch Entzündungsprozesse im Gange sind. Die Therapie der Wahl ist hier ein Cortisonspray über mehrere Wochen, damit haben wir gute Erfahrungen. Generell rate ich dazu, rund zwei Monate nach einer Covid-19-Infektion extreme sportliche Belastung zu vermeiden.
Gartner:
  • Natürlich verändern Umwelteinflüsse die Lungenfunktion. Unsere Bronchien sind voll von unserer Umwelt. Aber die Lunge hat ein enormes Potenzial, Schadstoffe einzulagern. Das kann Probleme verursachen – siehe Raucherlunge –, muss es aber nicht. Zur zweiten Frage, ich sehe viele ältere Patienten, deren Atembeschwerden aber meist von Problemen mit dem Herzen kommen.

Gartner:

  • Ein wesentliches allgemeines Symptom ist hohes Fieber, also 39 Grad mehrere Tage lang. Da die meisten Erwachsenen Erfahrung mit Erkrankungen haben, kennen sie ihren Körper und dessen Warnsignale. Im Hinblick auf Covid-19 höre ich von vielen Patienten, dass sie gespürt haben: »So etwas hatte ich noch nie.«

Duftner:

  • Bei Menschen ohne Lungenvorerkrankungen wird meines Erachtens oft zu schnell, zu viel und wenig zielführend mit Antibiotika behandelt. Auch bei Allergikern oder Asthmatikern hilft bei hartnäckigem Husten meist das klassische inhalative Cortison. Wenn man aber schwer Luft bekommt oder der abgehustete Schleim seine Farbe ändert, dann rate ich zum Arztbesuch.

Duftner:

  • Der Begriff COPD wird leider inflationär verwendet. Bei COPD handelt es sich um eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung. Chronisch heißt, jemand leidet zweimal im Jahr über jeweils drei Monate an Bronchitis. Obstruktiv bezeichnet eine Bronchienverengung. Die Ursache für COPD ist immer noch – trotz aller Anti- Rauchmaßnahmen – zu rund 80 bis 90 Prozent aktiver bzw. passiver Rauch. Zu einem geringen Teil führen genetisch bedingte Erkrankungen wie zystische Fibrose, auch Mukoviszidose genannt, oder ein Alpha-1-Antitrypsinmangel zu COPD. In einigen Ländern spielt auch das Kochen auf offenem Feuer eine Rolle bei der Entstehung von COPD.

Gartner:

  • Die Ursache einer Bronchitis (Anm.: nicht vom COPD) kann doch auch ein Reflux sein.

Duftner: 

  • Reflux ist sogar eine der häufigsten Diagnosen für dauerhaften Husten oder Bronchitis. Wenn im Liegen der Mageninhalt über die Speiseröhre aufsteigt, inhalieren Patienten die übersäuerte Atemluft und reagieren mit Hüsteln, Husten, Räuspern. Der pH-Wert im unteren Drittel der Speiseröhre sinkt und auch das kann reflexartig zu Hustenreiz führen.

Gartner:

  • Hier setzt wieder die Mayr-Medizin an. Wir haben gute Erfolge dabei, den Tonus des unteren Ringmuskels der Speiseröhre zu erhöhen. Die Schwächung dieses Muskels ist nämlich eine viel häufigere Ursache für Reflux als ein Zwerchfellbruch. Die Mayr-Therapie erhöht die Spannkraft dieses Schließmuskels wesentlich.

Duftner:

  • Die Lungenentzündung ist normalerweise eine bakterielle Superinfektion und wird leider auch oft fehldiagnostiziert. Diese schwere Erkrankung spüren die Patienten meist. Sie geht aber nicht immer mit Lungengeräuschen einher, sogar bei bis zu 60 Prozent der Patienten ist diese Entzündung ärztlich nicht abhörbar. Das Auge des geschulten Arztes ist gefragt. An dieser Stelle lege ich ein Wort für unser System der hausärztlichen Versorgung ein, bei dem Patienten längere Zeit durch denselben Arzt und nicht durch immer wieder verschiedene betreut werden. So fällt der Ärztin, dem Arzt die individuelle Beurteilung leichter.

Duftner:

  • Da möchte ich klarstellen: Lungenkrebs ist unter Nichtrauchern eine Rarität. Er kommt bei Passivrauchern, etwa bei jemandem, der jahrzehntelang im Gastgewerbe gearbeitet hat, durchaus vor. Vorbeugend gibt es die Empfehlung für Raucher mit zwanzig »Packyears«, d. h. zwanzig Zigaretten täglich über zwanzig Jahre, sich einmal im Jahr untersuchen zu lassen. Mittlerweile kann man mit extrem geringer Strahlenbelastung ein »low dose CT« ohne Kontrastmittel durchführen.

Duftner:

  • Die Bronchialschleimhaut kann sich erholen, Emphyseme bilden sich allerdings nicht mehr zurück. Es ist aber nie zu spät, mit dem Rauchen aufzuhören, weil man das Fortschreiten der Lungenschädigung und damit einen zu großen Funktionsverlust aufhalten kann.

Gartner:

  • Ich möchte noch auf den Zusammenhang zwischen Lunge und Psychosomatik hinweisen. Die drei größten Grenzflächen zwischen uns und unserer Umwelt sind die Haut, der Darm und die Lunge. An diesen Organen, die direkt mit dem Außen verbunden sind, manifestieren sich neun von zehn psychosomatischen Erkrankungen. Zum Beispiel kann Asthma bei Kindern mit Familienproblemen zu tun haben.

Duftner:

  • Das funktioniert nach der Ausschlussdiagnose. Wenn keine anderen Gründe dafür vorliegen, dann signalisiert die Psyche: »Diese Situation nimmt mir die Luft zum Atmen.« Interessant sind etwa auch Studien bei Tierhaarallergikern. Sie reagieren bereits allergisch, wenn man ihnen Fotos von Katzen zeigt.

Gartner:

  • Das zeigt, dass der Körper schnell lernt. Zum Abschluss möchte ich noch auf ein Medikament hinweisen, das sowohl schleimlösend als auch antioxidativ wirkt. ACC (Acetylcystein) gehört zu den wirksamsten Antioxidantien, es mindert also den oxidativen Stress im Körper, der etwa für Alterungsprozesse verantwortlich ist. In der Ganzheitsmedizin verwenden wir es zur Entgiftung, wobei es ACC bisher nur in Form von Brausetabletten gab, was für den Darm nicht förderlich ist. Auf unsere Initiative gibt es ACC nun in Kapselform, das ist für den Darm verträglich, wirkt entgiftend und schleimlösend. Eine Entgiftungskur über mehrere Wochen mit einer Kapsel pro Tag unterstützt den Körper gerade in Zeiten vermehrter physischer und psychischer Belastungen.
Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

Dr. Jörg Duftner studierte in seiner Heimatstadt Innsbruck Medizin und schloss an seinen Abschluss als Allgemeinmediziner eine Facharztausbildung für Lungenkrankheiten an. Er ist als Konsiliararzt im Park Igls tätig.