Der Mund als Tor zu Gesundheit – und einigen Krankheiten

Gesunde Zähne sind schön und verursachen keine Schmerzen. Aber dass die Pflege von Zähnen und Mundhöhle dazu beitragen kann, Infektionen wie Covid-19 oder Lungenentzündung zu vermeiden, ist schon weniger bekannt.

Wie ein einfacher Test Entzündungen im Mund aufspürt und welchen Einfluss die Mundhöhle auf unsere Gesundheit hat, darüber unterhalten wir uns mit dem Zahnmediziner Dr. Walter Wille-Kollmar und dem Chefarzt im Park Igls, Dr. Peter Gartner.

Dr. Walter Wille-Kollmar: Das kann ich nur bestätigen. Je mehr ich die Nahrung im Mund zerkleinere, desto besser wird sie vom Körper aufgenommen und verdaut.

Dr. Peter Gartner: Im Mund befinden sich sechs große und hunderte kleine Speicheldrüsen, die Verdauungsenzyme produzieren. Mit jedem Kauen zerkleinere ich die Nahrung doppelt, vierfach, achtfach – bis zu hundertfach. Die Oberfläche der Nahrung wird also vervielfacht, durch das sorgfältige Einspeicheln mit Enzymen vermischt und für den Verdauungsvorgang vorbereitet. Je besser ich kaue und einspeichle, desto leichter mache ich es den nachfolgenden Organen, wertvolle Stoffe aus der Nahrung herauszufiltern.

Dr. Wille-Kollmar: Ein gutes Gebiss ist die Voraussetzung für einen effizienten Kauvorgang. Dabei kommt es auf die Okklusion an, also den Vorgang des Zusammenbeißens.

Dr. Wille-Kollmar: Kauen ist ein komplexer Vorgang, der mit Schneide- und Scherbewegungen, mit Auf- und Abbewegungen sowie mit Mahlen zu tun hat – der auch eine große Belastung der dabei eingesetzten Muskeln darstellt. Da spielen viele Faktoren zusammen, und für eine optimale Okklusion ist das Zusammenspiel aller Zähne wichtig. Das ist besonders bei Füllungen oder einem Zahnersatz zu beachten. Funktioniert die Okklusion nicht richtig, kann das zu Problemen mit der Wirbelsäule, zu Migräne oder anderen Krankheiten führen.

Der Zahnapparat ist Teil einer langen, orthopädisch funktionellen Kette. Was Laien wahrscheinlich ebenfalls weniger bewusst ist: Ein Zahn ist kein starres Gebilde, er verfügt über eine Eigenbeweglichkeit, solange seine Wurzel besteht. Deshalb ist es für die Okklusion besser, einen Zahn zu erhalten, anstatt ein Implantat zu setzen.

Dr. Gartner: Diese »Zahn-Physik« habe ich bei einem Seminar einmal selbst sehen können: Ein Zahnarzt veränderte den Zusammenbiss einer Seminarteilnehmerin mit verschiedenen Einlagen im Gebiss – und ein zuvor sichtbarer Beckenschiefstand mit Beinlängendifferenz wurde durch diese Okklusionsänderung behoben.

Dr. Wille-Kollmar: Ich kann nur den Denkanstoß geben, bei diversen unzuordenbaren körperlichen Beschwerden auch das Gebiss untersuchen zu lassen. Nicht alle Zahnmediziner haben nämlich einen ganzheitlichen Ansatz. Wird nur ein einziger Zahn abgeschliffen, dann ändert sich der gesamte Kauvorgang. »Form ist Funktion, und: Die Funktion bestimmt die Form«, auf diesem Grundsatz basiert das Konzept der Bio-Okklusion von Dr. Robert L. Lee, der Gebisse daraufhin untersuchte, warum manche ein Leben lang gut funktionierten und andere nicht.

Dr. Gartner: Für Gäste im Park Igls ist es ein großer Vorteil, dass wir Ärzte hier eng mit Fachärzten aller Gebiete zusammenarbeiten.

Dr. Wille-Kollmar: … ich kann dann zum Beispiel den Patientinnen und Patienten wichtige Hinweise für ihren Haus-Zahnarzt mitgeben.

Dr. Wille-Kollmar: Es ist wichtig zu wissen, dass jede Manipulation am Zahn – ob Füllung oder Zahnersatz – ein individuelles Vorgehen benötigt. Deshalb brauchen auch die Patienten Geduld. Die Zahnfläche einzuebnen ist der einfachste und schnellste Vorgang. Einen Zahnersatz gut anzupassen bzw. eine verzahnte Füllung zu machen, das dauert und ist extrem schwierig. Das Ziel dabei ist die Rekonstruktion der Ausgangssituation.

EINE »GESUNDE MUNDHÖHLE«

Dr. Wille-Kollmar: Die meisten Viren treten über die Mundhöhle ein, die wie ein Rohr funktioniert, durch das pathogene Keime in den Körper weiterwandern und Infektionen wie etwa eine Lungenentzündung verursachen können. Forscher haben nun festgestellt, dass auch das SARS-CoV-2-Virus hauptsächlich über die Mundhöhle in den Körper gelangt. Eine gesunde Mundhöhle ist also ein wichtiger Abwehrmechanismus gegen alle Infektionen.

Dr. Wille-Kollmar: Dazu zählt einmal der Speichel, der wichtige Enzyme und Immunglobuline zur Abwehr von Infektionen enthält. Speichelmangel ist eine Erkrankung, die behandelt werden sollte.

Dr. Gartner: So wie jede Muskulatur lassen sich auch Kaumuskeln und Speicheldrüsen trainieren. Und das wird in der Mayr-Medizin durch das Einspeicheln der Nahrung forciert.

Dr. Wille-Kollmar: Zu den Barrieren gegen pathogene Keime zählen auch noch die gesunde Beschaffenheit der Mundschleimhaut und des Zahnfleisches, das Immunsystem im Mund sowie das Mikrobiom der Mundschleimhaut, also die Zusammensetzung der Bakterien, zu denen auch viele nützliche gehören.

Dr. Wille-Kollmar: Es gibt mittlerweile einen einfachen Speicheltest, den aMMP-8-Test, mit dem sich die orale Immunabwehr messen lässt. Das Enzym aMMP-8 zerstört schützende Proteine, mit denen der Körper Öffnungen zwischen den Zellen gegen Krankheitserreger schließt. Bei einem hohen Wert dieses Enzyms ist es für Viren wie SARS-CoV-2 leichter, in den Körper zu gelangen. Aber auch bakterielle Infektionen wie eine Lungenentzündung treten häufiger auf. Bereits bestehende chronische Erkrankungen wie etwa Diabetes, Herz- Kreislauf-Erkrankungen oder Rheuma können durch diese entzündlichen Prozesse in der Mund- höhle ebenfalls negativ beeinflusst werden. Bei Frauen könnte sich das Risiko einer Fehlgeburt erhöhen.

Dr. Gartner: Die Arteriosklerose ist übrigens ebenfalls eine Entzündung, für deren Vermeidung ein intaktes orales Mikrobiom wichtig wäre. Entzündungszeichen im Mund können daher auf eine beginnende Gefäßverkalkung hinweisen.

Dr. Wille-Kollmar: Das hängt von der Höhe des Wertes ab. Zeigt der aMMP-8-Test eine beginnende Entzündung, dann ist gezielte Mundhygiene die Therapie der Wahl. Für mich gilt: Mundhygiene ist Chefsache. Das heißt nicht, dass sie unbedingt von der Zahnärztin oder vom Zahnarzt durchgeführt, aber von ihr oder ihm beaufsichtigt werden sollte. Für die Reinigung bevorzuge ich den Einsatz eines Handinstruments statt eines Ultraschallgeräts, um die Zahnoberfläche ganz fein und ohne Kratzer zu bearbeiten. So ist es möglich, sie glatt zu machen, ohne sie zu beschädigen.

Es ist auch wichtig, die Beschaffenheit der Zahntaschen, in denen sich Zahnstein ablagern kann, zu beachten, um sie gründlich zu reinigen. Je nach Entzündungswert lege ich dann die Häufigkeit der Mundhygiene fest. In der Regel genügen ein- bis zweimal im Jahr, bei hohen Werten empfehle ich alle drei bis vier Monate.

Dr. Wille-Kollmar: Die Parodontitis, auch Parodontose genannt, ist eine bakterielle Entzündung des Zahnbetts, die unbehandelt zu einer Lockerung und schließlich zum Verlust der Zähne führen kann. Im Alter neigen Menschen vermehrt zu Zahnfleischschwund, der mit entsprechender Mundhygiene gestoppt werden kann. Mit dem aMMP-8- Test lässt sich bereits die Vorstufe der Parodontitis erkennen und das Fortschreiten der Entzündung verhindern. Sogar bei Kindern kann ich schon vorbeugend eingreifen.

GESUNDE ZÄHNE SIND SCHÖNE ZÄHNE

Dr. Wille-Kollmar: Erstens: Zweimal täglich Zähneputzen, wobei die Abendreinigung wichtiger als die Morgenreinigung ist. Zweitens: Die möglichst tägliche Reinigung der Zahnzwischenräume, und hier sehe ich wieder Arzt bzw. Ärztin in der Pflicht. Ich gebe meinen Patienten Tipps dazu. Ob sie dafür Zahnseide oder Dentalbürstchen verwenden, bleibt ihnen überlassen. Wesentlich ist, dass ich Menschen, die feinmotorisch nicht so geschickt sind, oder auch älteren Menschen, die sich mit der Reinigung des Zahnersatzes schwer tun, zeige, wie sie ihr Gebiss möglichst effizient reinigen.

Dr. Gartner: Bei der Wahl der Zahnpasta sollte man darauf achten, dass sie nicht den Zahnschmelz schädigt.

Dr. Wille-Kollmar: Am besten fragen Sie Ihren Zahnarzt bzw. Ihre Zahnärztin. Er oder sie kann Ihnen auch sagen, ob Sie eine Zahnpasta mit Fluorbeigabe benötigen oder nicht.

Dr. Wille-Kollmar: Ich rate zum zurückhaltenden Einsatz von Mundspülungen. Das in vielen Spülungen enthaltene Chlorhexidin schädigt auf Dauer die guten Mikroben in der Mundhöhle. Eine Mundspülung ist ein Medikament und sollte entsprechend sparsam angewandt werden. Mundwässer sind ebenfalls nicht für den dauerhaften Gebrauch zu empfehlen.

Dr. Wille-Kollmar: Wir wissen alle, dass Zucker und Kohlenhydrate die Zähne schädigen – wie übrigens auch das Rauchen Gift für das Immunsystem der Mundhöhle ist. Man sollte den Zähnen durchaus etwas zum Kauen geben, eine zu körnerreiche Ernährung führt allerdings zu erhöhter Abrasion, die den Zahnschmelz schädigt.

Dr. Gartner: Der Mittelweg ist wie meist der vernünftige. Wichtig ist gutes Kauen – da sind wir wieder bei der Mayr-Medizin –, damit der Knochen in Form bleibt.

Dr. Wille-Kollmar: Auf jeden Fall. Ich bin immer begeistert, wenn ich ein gesundes Gebiss sehe. Aber – und das zu betonen ist mir wichtig: Schöne Zähne sind nicht unbedingt gesunde Zähne. Es gibt Menschen, die allein auf die Schönheit der Zähne, oft sogar nur der sichtbaren vorderen Zahnreihe, achten. Das hat nichts mit Zahngesundheit zu tun. Denn in der Tat sind die hinteren Backen- und Mahlzähne für die Gesundheit wichtiger als die Schneidezähne. Deshalb ist ein guter Zahnarzt ja immer ein ganzheitlicher Mediziner und mehr als ein guter Handwerker oder ein rein ästhetischer Mediziner.

Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

Dr. Walter Wille-Kollmar –

Dr. Wille-Kollmar studierte an der FAU Erlangen-Nürnberg Medizin und Zahnmedizin. Nach seinem Staatsexamen 1996 arbeitete er als Zahnarzt in Deutschland und gründete 2001 eine Zahnarztpraxis in Italien (Barletta). 2016 ließ er sich mit seiner Praxis »Zahnarzt im Roten Adler« in Innsbruck nieder. Seine Expertise für Implantologie und Parodontologie bringt er auch als Journalist bzw. Chefredakteur verschiedener Fachmedien sowie als Referent ein. Der Konsiliararzt im Park Igls ist auch Mitglied der European Dental Association und der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie.