GESUNDHEIT
Welche Supplements sind sinnvoll, welche nicht?
Dr. Peter Gartner, medizinischer Leiter von Park Igls, spricht über die Rolle und Sinnhaftigkeit von Supplements.
Sie sind in aller Munde, und das beinahe im Wortsinn:
Nahrungsergänzungsmittel
Seit der populäre Chemie Nobelpreisträger Linus Pauling Ende der Sechzigerjahre die Einnahme von Vitamin C in großen Mengen propagierte, um damit zahlreichen Krankheiten – allen voran Krebs – vorzubeugen, haben »Supplements« eine steile Karriere hingelegt. In mehr als 75 Prozent der deutschen Haushalte finden sich in Arzneimittelschrank, Nachtkästchen oder Krimskrams-Schublade angebrochene Schachteln, Fläschchen und Blister mit heilsversprechendem Inhalt in allen Farben, Formen, Geschmacksrichtungen und Aggregatzuständen. In meiner Praxis bringen Patientinnen und (vor allem) Patienten bei unserem ersten Kennenlernen nicht selten Taschen oder Schachteln voller Nahrungsergänzungsmittel mit, um diese auf meinem Schreibtisch auszulegen.
Durch die uneingeschränkte Verfügbarkeit in Apotheken und Drogeriemärkten, aber auch in Supermärkten oder Tankstellen, und insbesondere durch den Vertrieb über das Internet, nicht zuletzt auf »Empfehlung« unheilbar gesunder InfluencerInnen, und sogar durch FitnessApps, ist der Zugang zu Nahrungsergänzungsmitteln extrem niederschwellig geworden.
Welche Supplements sind sinnvoll, wer profitiert davon und worauf sollte man achten?
Der Vitamin- und Mineralstoff-Markt ist – nicht zuletzt pandemiebedingt – weltweit kräftig gewachsen, der globale Umsatz für 2025 wird von der Hamburger Statista GmbH, die Insights und Fakten aus 170 Branchen in mehr als 150 Ländern überblickt, mit knapp 30 Milliarden Euro angegeben, Tendenz steigend. Wie ist dieser Erfolg zu klären?
Einerseits sind es (meist überzogene) Erwartungshaltungen der Konsumentinnen und Konsumenten, die sich Leistungssteigerung, verbessertes Regenerationsvermögen, Schutz vor Krankheiten, Schmerzreduktion, besseren Schlaf oder einfach ein längeres Leben erhoffen. Die Frage, welche Supplements man nehmen sollte, wird dabei oft vorschnell und pauschal beantwortet. Und nur allzu oft soll die Wundersubstanz gesundheitsschädigende Auswirkungen eines ausschweifenden und bewegungsarmen Lebensstils kompensieren. Andererseits sind abertausende mit diagnostischer und therapeutischer Unsicherheit geschlagene Ärztinnen und Ärzte im wörtlichen Sinne heilfroh, eine Vielzahl pillenbegehrender Patientinnen und Patienten placebogleich beglücken zu können, mit Supplements – das klingt hip, ist teuer und deshalb sicher wirksam, und wenn’s der Doktor selber nimmt, wie er sagt, kann es ja wohl auch nicht schaden.
Das Erfolgskonzept Nahrungsergänzung ist mittlerweile so weit gediehen, dass sich eine eigenständige Fraktion innerhalb der Ärzteschaft entwickelt hat, deren Bestimmung es zu sein scheint, unzählige überteuerte Labormessungen durchzuführen, um dann auf Basis der gemessenen Werte Supplements en gros nicht nur zu verschreiben, sondern auch gleich direkt zu verkaufen. Diese Gruppe der functional doctors nennt sich ganzheitlich – und arbeitet doch einseitig. Denn Messungen ohne Anamnese, Heilsversprechen ohne körperliche Untersuchung oder Diagnosestellung ohne weiterführende fachärztliche Befundung sind zu wenig, ganz nach dem Messtechniker-Sprichwort »Wer misst, misst Mist«.
Nahrungsergänzungsmittel enthalten in den meisten Fällen essenzielle, also ernährungsphysiologisch bedeutsame Mikronährstoffe wie Mineralstoffe, Vitamine und Spurenelemente, aber auch Bestandteile von Proteinen und Fetten wie Aminosäuren oder Fettsäuren, und das in teils sehr hoher Konzentration. Rechtlich gesehen sind sie trotz ihrer Darreichungsform als Kapseln, Tabletten oder Tropfen keine Medikamente, sondern Nahrungsmittel.
Die Hersteller sind daher auch nicht verpflichtet, allfällige Nebenwirkungen, Kontraindikationen oder gar Wechselwirkungen mit Medikamenten auf dem Beipackzettel anzuführen, der darum auch meist eher wie ein illustriertes Werbeblatt anmutet. Nur wenige KonsumentInnen wissen, dass die scheinbar harmlosen, weil nebenwirkungsfreien Nahrungsergänzungsmittel nicht nur die Ergebnisse von Blut- oder Urinuntersuchungen verändern, sondern auch in Wechselwirkung mit zahlreichen (richtigen) Medikamenten treten können.
Beispiele für Nebenwirkungen:
- Das populäre Vitamin B7, auch als Vitamin H oder Biotin bekannt, wird gerne zur Kräftigung von Haaren und Nägeln eingenommen, es verfälscht allerdings die Blutlaborwerte von Schilddrüsen und Sexualhormonen sowie von Troponin, einem wichtigen Marker bei Herzinfarkt.
- Glucosamin- und chondroitinhaltige Präparate, beliebt bei Gelenksproblemen, können die Wirkung von blutverdünnenden Medikamenten verändern und den Zuckerstoffwechsel ungünstig beeinflussen.
- Bei einer Krebstherapie mit Zytostatika versucht man, in den Krebszellen einen hohen oxidativen Level aufzubauen, der die Tumorzellen vernichten soll – wer dabei gleichzeitig Antioxidantien wie etwa Vitamin C einnimmt, riskiert einen Wirkungsverlust der Therapie.
Welche Supplements sollte man einnehmen und wann ist ihr Einsatz wirklich sinnvoll?
Wer das Glück hat, sich gesund und abwechslungsreich ernähren zu können, sich regelmäßig bewegt, durch jährliche Mayr-Kuren über die enorme Bedeutung des Kauens und Einspeichelns Bescheid weiß und noch dazu Gelegenheit hat, die positiven Auswirkungen der Sonnenstrahlen in gesundem Maß zu genießen, braucht keine Supplementierung.
Dr. Henning Sartor, wissenschaftlicher Beirat der Internationalen Gesellschaft für Mayr-Medizin, bringt es auf den Punkt: »Gesunde Nahrung braucht keine Ergänzung.« Sofern man am Meer wohnt, möchte man hinzufügen. Denn in unseren Breiten sieht es meist ein wenig anders aus:
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Der relative Mangel an Sonnenlicht und nicht zuletzt die dermatologisch verordnete Angst vor Hautkrebs haben zu einem weit verbreiteten Vitamin-D-Defizit geführt, das nur durch Substitution in Form von Tropfen oder Kapseln ausgleichbar ist. Vitamin D verbessert die Knochendichte, optimiert das Immunsystem und unterstützt die Hirnfunktion, insbesondere Stimmung und Gedächtnis.
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Bestimmte Omega-3-Fettsäuren, wichtig unter anderem für gesunde Blutgefäße, finden sich nur in Meeresfischen und sollten daher von Menschen mit entsprechendem Risiko – zumindest kurmäßig – ergänzend eingenommen werden.
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Ein latenter Magnesiummangel ist bei uns häufig anzutreffen und kann zu vermehrten Muskelkrämpfen führen. Zum Glück kann Magnesium nicht überdosiert werden, da sich der Körper nur jene Menge aus dem Darm holt, die benötigt wird; ein allfälliges Zuviel an Magnesium verbleibt im Darm, macht den Stuhl weich und führt im schlimmsten Fall zu Durchfall.
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Daneben kann in Zeiten vermehrter Infektbelastung die Einnahme von Zink zur Unterstützung des Immunsystems sinnvoll sein.
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Sinnvoll ist mitunter ebenfalls die Einnahme von Vitamin C – allerdings nicht in jener Dosierung von 18 Gramm täglich, wie es Linus Pauling praktizierte, womit er die Einnahmeempfehlung um das 160-Fache überschritt. Und letztlich doch an Krebs starb.
Die Frage, welche Supplements man nehmen sollte, lässt sich nicht pauschal beantworten – aber sie lässt sich individuell, auf Basis echter Diagnostik, sehr wohl klären.