Das bemerkenswerte Atmen

Vom ersten Schrei an, wenn wir als neugeborener Mensch das Licht der Welt erblicken, bis zum oft zitierten »letzten Atemzug«: Atmen begleitet uns unser ganzes Leben.

Die Atmung, eine hochkomplexe Grundfunktion unseres Körpers, läuft nicht nur völlig autonom ab, sie ist zudem die einzige Grundfunktion, die wir willentlich, also ganz bewusst, zeitweise beeinflussen und steuern können.

»Diese Tatsache alleine macht das Atmen schon bemerkenswert und einzigartig. Die Atemphysiologie und -mechanik ist nicht nur lebensnotwendig; sie ist ebenso faszinierend, wie sie komplex ist«, sagt Dr. Peter B. Barth. Der erfahrene Mayr-Arzt vom Gesundheitszentrum Park Igls weiß, dass eine gute Atemtechnik lohnend und gesundheitsfördernd ist. Nicht jeder von uns ist erfahrener Mayr-Arzt, Schauspielerin, Opernsänger, Lungenfachärztin, Yogi, Stimm- oder Meditationstrainer – also jemand, der sich beispielsweise berufsbedingt mit der Atmung beschäftigt. Daher ist vielen von uns die Bedeutung und Wirksamkeit richtiger Atemtechnik auch oft gar nicht bewusst. Zumindest nicht ausreichend.

Hol mal tief Luft und atme tief durch, damit du dich beruhigst! Wenn jemand vor Aufregung Schnappatmung bekommt. Man fühlt sich nach dem Treppensteigen oder einer intensiven Sporteinheit völlig außer Atem. Wenn uns vor Schreck die Luft wegbleibt und der Atem stockt oder etwas einfach nur atemberaubend schön ist … Schon unser Sprachgebrauch verrät, dass unsere Atmung in jeder Situation von höchster Bedeutung ist. Tatsächlich beeinflusst jeder körperliche und psychische Zustand unsere Atmung. Freude, Zorn, Aufregung, sexuelle Erregung, Gelassenheit oder Nervosität beeinflussen unser Atemzentrum und steigern beziehungsweise hemmen die Atmung.

Erwachsene atmen täglich zwischen zehn- bis zwanzigtausend Liter Luft ein und aus!

Wir atmen 24 Stunden am Tag. Ohne Atmen kein Leben. Ohne funktionierende Lunge kein Atmen. Als zuständiges Organ sorgt sie dafür, dass Erwachsene zwischen zehn- bis zwanzigtausend Liter Luft ein- und ausatmen. Und zwar täglich. 12 bis 17 Mal pro Minute atmen wir im Schnitt ein und aus. Barth: »Die Lunge ist eine präzise funktionierende Hochleistungsmaschine. Ohne sie sind wir wortwörtlich am Ende, daher gilt es selbstverständlich, alles zu vermeiden, was ihr schadet. Rauchen zum Beispiel.«

Was man auch wissen sollte: Richtige Atemtechnik kann man lernen. Denn zumeist stressbedingt atmen wir sehr oft nicht richtig. Heißt, wir atmen zu flach und zu wenig in den Bauch. »Die Bauchatmung ist Teil einer gut ausgebildeten Atemtätigkeit. Durch sie wird eine tiefere Atmung ermöglicht«, erklärt Barth.

ATMUNGSSTEUERUNG

Gesteuert wird unsere Atmung grundsätzlich automatisch. Wir sind allerdings in der Lage, das zu beeinflussen, indem wir unsere Atmung beispielweise verlangsamen, anhalten oder beschleunigen. Die automatische Steuerung passiert in unserem Atemzentrum, im Hirnstamm. Sehr vereinfacht gesagt wird hier entschieden, ob wir schnell oder langsam atmen. Klingt einfach, ist in Wahrheit aber höchst komplex. Wichtigste Entscheidungsgrundlage ist der aktuelle Gehalt von Kohlendioxid (CO 2) in unserem Blut. Ist der Gehalt an Kohlendioxid hoch, wird die Atemfrequenz erhöht, um Kohlendioxid auszuatmen. Umgekehrt atmen wir flach, wenn der CO 2-Gehalt im Blut niedrig ist.

Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

»Sich seiner Atmung bewusst zu sein, sie willentlich zu steuern, birgt ein großes Potenzial auf geistiger, seelischer und körperlicher Ebene«

Dr. med. Peter B. Barth Arzt für Allgemeinmedizin, Mayr-Arzt

STRESS WEGATMEN

Das geht, und man kann es üben. Eine einfache Bauchatemübung ist diese: Legen Sie zunächst Ihre Hände auf den Bauch. Dann atmen Sie tief durch die Nase ein und spüren in Ihren Handflächen, wie sich der Bauch aufbläst und sich die Bauchdecke deutlich hebt. Beim langsamen Ausatmen durch den Mund spüren Sie, wie sich der Bauch und das Zwerchfell wieder nach oben bewegen. Vielleicht schaffen Sie es, drei-, viermal pro Woche so bewusst zu atmen. Fleißige machen das täglich, idealerweise 10 bis 15 Minuten lang.

„TIEFE BAUCHATMUNG SORGT FÜR ENTSPANNUNG UND ENTKRAMPFUNG“

Warum hat die richtige Atemtechnik, die Bauchatmung, in der Mayr-Medizin eine so große Bedeutung? Barth: »Das ist ganz einfach erklärt: Die Bauchatmung regt die Peristaltik, die autonom gesteuerte Eigenbewegung des Darmes, an. Dabei arbeitet das Zwerchfell wie eine Saug-Druck-Pumpe. Atmen wir tief in den Bauch, senkt sich das Zwerchfell nach unten, unsere Lungenflügel öffnen sich ebenfalls nach unten. Unterhalb des Zwerchfells liegen Solarplexus (Anm.: ein Geflecht aus Fasern und Knoten des vegetativen Nervensystems), Milz, Leber und unser Verdauungssystem. Diese Bereiche werden beim Einatmen quasi massiert und mit Energie versorgt. Das ist wichtig und wirkt gegen Verstopfung und Darmträgheit. Jede Verbesserung der Situation im Bauchraum führt unweigerlich zu einer Verbesserung der Atemqualität, und umgekehrt. Über eine tiefe Bauchatmung kommt es weiters zu einer Entspannung und Entkrampfung. Das geschieht durch eine Anregung des Nervus vagus, der die parasympathische Hauptverbindung zwischen Darmhirn und Kopfhirn (ZNS) darstellt. Dies ist eine der Quintessenzen aus mehr als einem Jahrhundert Erfahrung mit der Mayr-Medizin.«

EINATMEN, AUSATMEN

Verantwortliches Organ für unsere Atmung ist die Lunge. Sie sorgt für den für uns lebenswichtigen Austausch von Gasen: Unser Blut beziehungsweise unser Körper – Organe, Muskeln und jede Zelle – werden beim Einatmen über die Lungenbläschen mit Sauerstoff versorgt. Beim Ausatmen wird im Blut enthaltendes Kohlendioxid abtransportiert. Mechanisch unterstützen dabei die Atemmuskulatur, zu der das Zwerchfell und die Interkostalmuskulatur gehören, und die »Helfer« der Atemhilfsmuskulatur. Das sind Bauchmuskeln sowie Hals- und Brustmuskeln.

Atmen ein ganzes Leben lang

Dr. med. Peter B. Barth –

Arzt für Allgemeinmedizin, Mayr-Arzt