Eine Reise ins Innere des Darms

Fokus Darm-Gesundheit

Der Darm ist ein komplexes Organ, aber was auf den ersten Blick wie ein riesiges Tohuwabohu wirkt, ist ein genial funktionierendes System. Die Bakterien im Darm beeinflussen in hohem Maße die Gesundheit. Wer nun denkt: »Igitt, Bakterien!«, dem sei gesagt: Ohne Bakterien geht gar nichts! Ab dem Zeitpunkt unserer Geburt besiedeln sie unseren gesamten Körper, innen wie außen. Das ist nicht nur sinnvoll, sondern überlebensnotwendig. Der Mensch lebt mit Bakterien in einem symbiotischen Gleichgewicht – er benötigt sie, um gesund zu sein. Ein Großteil dieser »Gesundheitswächter« lebt im Darm, und je vielfältiger diese sind, umso besser für uns.

Damit der Darm seine Rolle als Nährstoffversorger und als wesentlicher Teil des Immunsystems korrekt erfüllen kann, braucht er eine intakte bakterielle Besiedelung und eine gesunde Schleimhaut. Sind diese Faktoren nicht gegeben oder teilweise gestört, können sich Krankheitserreger leichter ausbreiten, das Immunsystem wird belastet und die Infektanfälligkeit steigt.

Vom Einzug der Bakterien in den Darm

Vor der Geburt ist der menschliche Organismus bei-nahe keimfrei. Die bakterielle Besiedelung beginnt während des Geburtsvorgangs, denn nun folgt der Kontakt mit der Außenwelt: Welche Bakterien in welcher Anzahl und unter welchen Umständen in den Darm des Kindes einziehen, hängt von der Art der Geburt – ob natürlich oder per Kaiserschnitt –, der frühkindlichen Ernährung, dem Hygienegrad der Umgebung, von Antibiotika und anderen Medikamenten ab. Die Besiedelung bei Erwachsenen ist sehr unterschiedlich und hängt von Alter, Aufenthaltsort, Gesundheitszustand, Stress, zu häufigem Gebrauch von Abführmitteln, sozioökonomischem Status und vor allem von der Ernährung ab.

Wer sich schon einmal einer Antibiotikatherapie unterziehen musste, kennt sicher auch die typische Nebenwirkung – den Durchfall. Der Grund dafür ist, dass das Medikament die bakterielle Besiedelung stört. Durch die Einnahme von Antibiotika wird die Artenvielfalt des Bakterienhaushaltes nachhaltig reduziert: Während früher angenommen wurde, der Körper kompensiere dies rasch, weiß man heute, dass eine Antibiotikatherapie eine lang anhaltende Veränderung der bakteriellen Besiedelung bedeutet und sogar zu einer Überwucherung mit krankheits-erregenden Keimen führen kann.

Bakterien bilden einen dichten Rasen auf der Darmschleimhaut, sodass Krankheitserreger nicht andocken oder eindringen können. Fehlernährung, Stress, Infektionen, Medikamente – allen voran Antibiotika und Abführmittel – beeinträchtigen die Situation im Darm. Kommt das Milieu des Darms und damit das Gleichgewicht der Bakterienarten durcheinander, kann das die Ursache für verschiedenste gesundheitliche Beeinträchtigungen wie etwa Blähungen, Verstopfung, Durchfall, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Allergien, chronische Entzündungen oder Störungen des Immunsystems sein. Zudem können Bakterien ebenso wie Botenstoffe und Hormone sowohl die Entwicklung als auch die Funktion des zentralen Nervensystems beeinflussen. Diese besondere Art der Kommunikation zwischen Darm und Gehirn nennt man auch »Darm-Hirn-Achse«. Wenn daher Bakterienstämme im Darm und deren Verhältnis identifiziert werden, können Krankheitsprozesse erforscht und entsprechende Therapiemaßnahmen eingeleitet werden.

Eine molekulargenetische Stuhluntersuchung liefert Daten, um eine gezielte Therapie festzulegen und aus einer buchstäblichen Kakophonie der Darmflora eine gesunde, harmonische Symphonie zu formen. Sie liefert wertvolle Hinweise auf die Verhältnisse im Darm und damit auch die Grundlage für eine Therapieempfehlung. Eine derartige Analyse deckt Störungen des mikrobiellen Gleichgewichts auf, bildet die Artenvielfalt der Mikrobiota ab und liefert viele zusätzliche Daten zur Beurteilung des Darmmilieus. Zudem können anhand der Untersuchung die Verdauungsleistung und der Zustand der Darmschleimhaut sowie die Abwehrsituation im Darm beurteilt werden.

Generell gilt: Je höher die Vielfalt der Bakterien im Darm, desto besser! Denn es gibt keine grundsätzlich positiven oder negativen Keime, es kommt vielmehr auf die Bedingungen, die Artenvielfalt sowie die tatsächlichen Stoffwechselleistungen des Mikrobioms an. So belegen aktuelle Studien, dass gesundes Altern mit einer hohen Artenvielfalt der Darmbakterien einhergeht. Eine Ernährungsumstellung, aber auch die gezielte Zuführung von lebenden Mikroorganismen kann die bakterielle Besiedelung im Darm verändern und die Gesundheit positiv beeinflussen. Schon eine Steigerung der Ballaststoffmenge durch Gemüse, Vollkornprodukte und andere Präbiotika kann das Mikrobiom verändern.

Wie spürt der Mensch, ob seine Darmschleimhaut gut und ausreichend vielfältig besiedelt ist? Ist sie das nicht, können Probleme auftauchen, die nicht nur unangenehm, sondern äußerst schmerzhaft oder sogar tödlich sein können.

  • Eine aktuelle Studie zeigt, dass chronisch entzündliche Darmerkrankungen, das Reizdarmsyndrom und Divertikulose auf eine Störung der Mikrobiota hinweisen; sowohl Zahl als auch Zusammensetzung der Bakterien sind verändert.
  • Untersuchungen haben ergeben, dass die Bakterien von übergewichtigen Patienten besonders effizient bei der Energiegewinnung aus der Nahrung sind: Das Verhältnis zweier großer Bakteriengruppen entscheidet darüber, wie viele Kalorien aus der Nahrung gewonnen und vom Körper aufgenommen werden. Durch Ernährungsumstellung, aber auch durch die gezielte Verordnung therapeutisch wirksamer Prä- und Probiotika lässt sich dieses Verhältnis nachhaltig beeinflussen.
  • Bakterielle Stoffwechselprodukte wie Schwefelwasserstoff können bei der Entstehung von Krankheiten eine Rolle spielen, so etwa beim Dickdarmkrebs. Auch hier lässt sich mit einer gezielten Probiotikatherapie das Risiko senken.

Weitere Erkrankungen und Störungen können mit dem Mikrobiom zusammenhängen:

  • Allergien, Nahrungsmittelunverträglichkeiten
  • erhöhte Infektanfälligkeit
  • neurologische und psychiatrische Erkrankungen wie Depression, Morbus Parkinson, Migräne, Autismus und Demenz-Erkrankungen
  • chronisch entzündliche Erkrankungen wie Arthritis
  • Diabetes mellitus / metabolisches Syndrom

Der Mikrobiomtransfer ist eine Behandlung, mit der erstmals in den 1950er-Jahren gearbeitet wurde. Die Methode ist noch immer in Entwicklung und wird sehr selten und nur bei speziellen Indikationen angewendet, gewinnt allerdings zunehmend an Bedeutung. Ziel dieser »Stuhltransplantation« ist, die Darmflora eines erkrankten Menschen mit der Darmflora eines gesunden Menschen zu bereichern und zu unterstützen. Diese sollte aus einer möglichst großen Vielfalt an nützlichen Mikroorganismen bestehen und krankmachende Bakterien daran hindern, sich auszubreiten und weiteren Schaden anzurichten. Spender werden vorher eingehend medizinisch untersucht, müssen vollkommen gesund sein und dürfen nicht familiär vorbelastet sein. Ein Mikrobiomtransfer funktioniert entweder über eine Nasensonde durch den Magen in den Dünndarm oder im Rahmen einer Darmspiegelung in den Dickdarm.

Darm Wohlgefühl