Die komplexe Welt unserer Muskulatur: Move it or lose it

Dr. Barth vom Park Igls erklärt die Facts zu Muskulatur & Co

Rund 650 Muskeln arbeiten im Körper eines Menschen jede Sekunde, Minute, Stunde in einem höchst komplexen Konglomerat aus koordinativen Höchstleistungen zusammen. Wie komplex die Abläufe sind, welche Auswirkungen Stillstand haben kann und was unsere Muskulatur neben effektivem Training stärkt, erklärt Dr. Peter B. Barth, Allgemeinmediziner und Mayr-Arzt im Gesundheitszentrum Park Igls.

„Schon vor hundert Jahren – etwa zu der Zeit, als F. X. Mayr seine revolutionäre Mayr-Medizin entwickelte, aber auch schon früher – hörten Ärzte mit dem Stethoskop die Darmgeräusche ab“, erklärt Dr. Barth. Warum? „Weil die Darmgeräusche etwas über die Tätigkeit des Verdauungsapparates aussagen. Aber vor allem: weil bei andauernder absoluter Stille eine höchst gefährliche Darmlähmung eingetreten ist. In der Folge dieses muskulären Stillstands werden die Gefäße abgeklemmt und der Darm stirbt im schlimmsten Fall ab.“ Der Darm muss ständig in Bewegung sein; dieses muskuläre Dauerfeuer, das einem bestimmten zirkadianen – also tageszeitabhängigen – Rhythmus folgt, nennt man Peristaltik. Neben der Tagesrhythmik und der zeitlichen Abfolge der Nahrungsaufnahme sowie Flüssigkeitszufuhr beeinflussen auch psychoemotionale Vorgänge das Ausmaß der Darmbewegung.

Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

OHNE DARMBEWEGUNG KEIN LEBEN!

Die Peristaltik ist so gesehen eine der wichtigsten Bewegungen im Körper. Sehr wohl kann die Bewegung jedoch zurückgehen, etwa wenn der Verdauungsapparat entlastet wird – „wie es beim Mayr’schen Prinzip der Schonung während einer Kur angestrebt wird“, erklärt Dr. Barth. Der Darm mit seiner Bewegung ist nur ein kleiner Teil der Muskelarbeit, die unser Körper tagtäglich verrichtet. „Der Mensch besteht aus rund 650 Muskeln – wobei diese Zahl natürlich nur eine Schätzung ist und noch dazu von Mensch zu Mensch variieren kann“, erklärt Dr. Barth. Glauben Sie nicht? „Fast jeder kennt jemanden, der mit den Ohren wackeln kann, oder kann es sogar selbst. Andere Menschen wiederum können das nicht – nicht aus Unvermögen, diese Muskeln anzusteuern, sondern ganz einfach, weil sie sie nicht haben! Die Ohrenmuskeln haben sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte beim Menschen zurückgebildet, weil sie nicht mehr notwendig waren – beim Hund beispielsweise sind sie aber nach wie vor gut ausgebildet.“

KOMPLEXITÄT, DIE BEWEGT

Interessant sei aber gar nicht so sehr die absolute Zahl der Muskeln in unserem Körper, sondern vielmehr diverse Relationen. „Allein 50 der 650 Muskeln befinden sich im Gesicht und sind für unsere Mimik verantwortlich, drücken somit alle unsere emotionalen Befindlichkeiten aus. Umso einschneidender sind deshalb beispielsweise Erkrankungen mit einer Facialis-Lähmung – wenn die Mimik plötzlich zum Erliegen kommt, die Mundwinkel nicht mehr amüsiert nach oben wandern, sondern regungslos nach unten hängen, der Speichel aus dem Mundwinkel rinnt etc.“

Der Muskel bildet das letzte Glied in einer Kette von höchst komplexen koordinativen Abläufen, die im Gehirn ihren Ausgang nehmen. „Der Auslöser für Störungen und Krankheiten kann im Prinzip an jedem Punkt dieser hochkomplexen Kaskade sitzen. Grund für eine Facialis-Lähmung kann zum Beispiel eine Gürtelrose sein: Klassisch äußert sich der Befall mit den Varicella-Zoster-Viren im Brustkorb und Rückenbereich, die Virusinfektion kann sich jedoch auch im Bereich der Gesichtsnerven manifestieren und dort schwerwiegende Lähmungserscheinungen hervorrufen.“

Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol
Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

Dementsprechend findet nicht nur die Facialis-Lähmung ihren Ausdruck in der Bewegungslosigkeit – viele Erkrankungen gehen mit einer Muskellähmung einher. Etwa bei Morbus Parkinson fuhrt der gestörte Dopamin-Stoffwechsel zu drei wesentlichen Symptomen: zu einer verzögerten Muskelreaktion und erhöhten Spannung der Muskulatur, dem Rigor, zum bekannten Zittern, dem Tremor, und zur Akinese, einer veränderten bzw. verzögerten Bewegungsentwicklung. Auch bei der Multiplen Sklerose, einer neurologischen Erkrankung, wird der Muskelapparat beeinträchtigt.

ALLES (R)EINE NERVENSACHE

„Ob ein Muskel funktioniert oder nicht, hängt letztendlich von einer ganzen Reihe hochkomplexer Aktionsabläufe ab. Wir fassen einen Gedanken – quasi die Antizipation der Bewegungsabfolge im Gehirn, was bei Profisportlern extra trainiert wird, um eine schnellere Reaktion in der Bewegung zu erreichen. Dann folgt eine Kaskade an hierarchisch geordneten Kommunikationsleistungen in den verschiedenen Gehirnregionen: Großhirnrinde, Basalganglien, Hirnstamm, Kleinhirn (dort wird die Bewegungsabfolge koordiniert), Rückenmark. Vom Rückenmark aus wird der Nervenreiz mittels Neurotransmitter über die Pyramidenbahnen in die Peripherie geschickt, bis das Nervensignal an der Muskelendplatte ankommt und eine Kontraktion auslöst.“ Das einfachste Beispiel einer Muskelkontraktion ist der unwillkürliche Reflex. Mittels Reflextestung kann deshalb ein Problem innerhalb der Kaskade festgestellt werden. Umgekehrt kann aber auch in Richtung „Entspannung“ der Muskulatur eingewirkt werden: Ein muskelrelaxierendes Medikament z. B. blockt den Transmitter, der den Nervenreiz zur Muskelendplatte transportiert, was die Kontraktion verhindert. „Wie komplex dieses neuro-muskuläre Kunstwerk ist, wird etwa bei einem Pianisten ersichtlich, dessen Finger sich perfekt koordiniert und in unglaublicher Geschwindigkeit über die Tasten bewegen.“

USE IT OR LOSE IT

Manche Muskeln können wir nicht willentlich beeinflussen, den Großteil allerdings schon, und das müssen wir sogar, denn: „Muskeln, die wir nicht bewegen, verkümmern“, warnt Dr. Barth. Besonders schnell ersichtlich wird diese Atrophie des Muskelquerschnitts zum Beispiel, wenn über einen längeren Zeitraum ein Gips getragen werden muss. Aber nicht nur nach Verletzungen oder krankheitsbedingt verlieren wir an Muskulatur, „ab dem dreißigsten Lebensjahr verringert sich unsere Muskelmasse pro Jahr um ein Prozent, wenn wir nicht regelmäßig Sport betreiben! Das bedeutet, dass wir als extremer ‚Couch Potato‘ mit 65 Jahren 35 % weniger Muskelmasse haben als noch mit dreißig Jahren.“ Damit büßen wir jedoch nicht nur an Fitness und Beweglichkeit ein, sondern versagen auch unserem Bewegungs- und Stützapparat die notwendige Unterstützung. „Im Gegenzug können wir mit regelmäßigem Training die Atrophie stark verzögern und bis ins hohe Alter fit bleiben.“

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Neben der regelmäßigen Bewegung können wir unsere Muskeln zudem mit einer ausgewogenen Ernährung unterstützen. „Grundsätzlich benötigen wir für den Aufbau unserer Muskulatur hochwertiges Eiweiß bzw. Protein, das wir beispielsweise in Fleisch finden. Eiweiß kann man natürlich auch in pflanzlicher Form zu sich nehmen, schneller – und besonders im Kindes- und Jugendalter leichter – verwertbar ist allerdings tierisches Eiweiß. Auch Frauen mit latentem Eisenmangel sollten nicht gänzlich auf hochwertiges tierisches Eiweiß verzichten.“ Als Richtwert gelte: 0,5 g bis 1 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag, bei intensivem Training auch mehr. Zudem brauchen wir für den Muskelenergiestoffwechsel Kohlenhydrate sowie Mineralstoffe – Kalzium, Natrium, Kalium, Magnesium – und Vitamin D.

FAZIT:

Bewegung, Bewegung, Bewegung – in Kombination mit vitaler Mischkost, die unsere Muskulatur und unsere Knochen mit den notwendigen Nährstoffen versorgt. Denn ein Faktum ist unumstößlich: Der Mensch ist für Bewegung gemacht – vom Knochen bis zur Muskelfaser. Ohne Bewegung – kein Leben.