Können wir uns wirklich „glücklich denken“?

Wie uns die Macht der Gedanken zu mehr Lebensfreude verhelfen kann

Der eine trägt eine rosarote Brille, während der andere alles in den dunkelsten Farben malt oder komplett schwarzsieht. Wie selbst die größten Pessimisten ein Licht am Ende des Tunnels sehen und zu einem erfüllteren Leben finden können, beschäftigt WissenschaftlerInnen und HobbypsychologInnen gleichermaßen – seit jeher. Doch können wir uns wirklich »glücklich denken«? Wie viel Einfluss können wir tatsächlich auf unsere Gedanken nehmen?

Das Psychologenteam Dr. Melanie Robertson und Mag. Thomas Blasbichler vom Gesundheitszentrum Park Igls hat sich mit Fragen rund um das Thema »Positives Denken« bzw. »Positive Psychologie« auseinandergesetzt – und Antworten gefunden, wie wir unseren Fokus auf das Positive im Leben lenken können, ohne dabei die Realität aus den Augen zu verlieren. »Das bewusste Denken zu beeinflussen, um eine höhere Lebenszufriedenheit zu erzielen, steht im Zentrum einiger Konzepte, die sich mit dem positiven Denken auseinandersetzen«, erklärt Blasbichler. Im Brockhaus der Psychologie wird positives Denken als »die Gestaltung von Denkprozessen, um seelische und körperliche Gesundheit, Glück und Erfolg zu fördern« beschrieben. »Bereits im neunzehnten Jahrhundert entwickelte der französische Apotheker Coué eine Formel, die seine Patienten täglich minutenlang innerlich wiederholen sollten: ›Es geht mir von Tag zu Tag besser, von Stunde zu Stunde immer besser und besser‹ «, erzählt Blasbichler weiter.

Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

POSITIV, ABER REFLEKTIERT

»Positives Denken hält uns handlungsfähig und regt uns an, proaktiv auf das Leben und seine Herausforderungen zuzugehen«, erklärt Dr. Melanie Robertson den Ansatz. Vereinfacht gesagt gehe es darum, Positives zu erwarten und dadurch auch zu erkennen. »Wir trauen uns mehr zu und glauben eher daran, erfolgreich sein zu können«, ergänzt die Klinische, Neuro- und Gesundheitspsychologin. Positives Denken bedeute jedoch nicht, Negatives auszublenden oder gar zu leugnen: »Nichts im Leben ist nur positiv oder nur negativ. Entscheidend ist allerdings, auf welche Aspekte wir den Fokus lenken.« So gut sich das auch anhört, bedarf es wie in den meisten Bereichen auch beim positiven Denken einer kritischen Reflexion: »Problematisch wird der Ansatz des positiven Denkens dann, wenn er zu Druck führt«, betont sie. ›Du musst positiv denken‹ sei eine Empfehlung, deren Umsetzung meist alles andere als einfach ist. »Leidet jemand unter einer Depression, möchte die betreffende Person zwar positiv denken, kann es aber in dieser Lebensphase vermutlich gerade nicht«, erklärt Robertson weiter: »Der Ratschlag, doch einfach positiv zu denken, kann uns zudem das Gefühl vermitteln, an unserem Leid selbst schuld zu sein, was häufig nicht zutrifft.« Wiederholt scheiternde Bemühungen eines zwanghaften positiven Denkens könnten zudem zu stärkeren Ängsten und Schuldgefühlen bei Kranken führen, fügt Blasbichler hinzu.

GEDANKEN STEUERN GEFÜHLE

»Unsere Erfahrungen, unsere Gedanken und Gefühle beeinflussen, wie wir die Welt wahrnehmen und wie wir uns anschließend verhalten. Dies kann auch anhand von neurobiologischen Befunden untermauert werden. Gefühle entstehen durch äußere oder innere Einflüsse, gehen mit körperlichen Empfindungen einher und können als Lagebericht unserer Bewertungen, Bedürfnisse, Motive oder Ziele verstanden werden. Sie sind mit einer spezifischen Mimik und Körperhaltung verbunden und wirken so auch auf unsere sozialen Beziehungen und auf unser Verhalten allgemein«, erklärt Blasbichler.

Ganz praktisch betrachtet ergibt sich laut Robertson ein Kreislauf: »Im Prinzip ist es so, dass eine Situation eintritt, man diese bzw. bestimmte Aspekte dieser Situation wahrnimmt und als Resultat dieser Wahrnehmung Gefühle entwickelt, beispielsweise Traurigkeit oder Freude oder auch Angst. Diese Gefühle wiederum führen dann zu gewissen Handlungen.« Gefühle entstünden unwillkürlich als Reaktion auf äußere Reize und könnten somit nicht verändert werden. Gedanken hingegen seien prinzipiell veränderbar, auch wenn sie plötzlich und automatisiert auftauchen, erklärt Blasbichler. »Erkennen wir diese Gedanken als negative Gedanken, können wir sie entsprechend reflektieren, einordnen und gegebenenfalls verändern.«

Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

POSITIVE PSYCHOLOGIE

»Einen grundsätzlich positiven Ansatz stellt sicherlich die Glas-halb-voll-Variante dar, die einem zu verstehen gibt, dass es im Auge des Betrachters liegt, das Glas als halb voll oder halb leer zu interpretieren. Allerdings begegnen uns im Leben immer wieder Situationen und Phasen, in denen diese Haltung schwer aufrechtzuerhalten ist und uns die Herausforderungen über den Kopf wachsen«, so Robertson. Und Blasbichler ergänzt: »Vor allem geht es darum, negative Gedanken und deren Einfluss auf unsere Gefühle zu identifizieren, anzunehmen und sie dadurch in ihrer Bedeutung abzuschwächen. Versuchen wir krampfhaft und rigide, unangenehme Gefühle und Gedanken zu vermeiden und zu kontrollieren, kann uns das in unserer Lebensführung stark einschränken.«

»Das Hineinspüren und auch Zulassen der Gefühle steht im Zentrum. Gefühle sind stets echt und richtig und vor allem auch im Hier und Jetzt, selbst wenn sie sich auf Situationen in der Vergangenheit oder Zukunft beziehen. Ich kann nicht falsch fühlen. Das Denken kann helfen, mir klarzumachen, weshalb ich fühle, wie ich fühle, und daraus entsprechende Ableitungen vorzunehmen«, sagt Robertson. Der US-amerikanische Psychologe Martin E. P. Seligman hat in den Neunzigerjahren die wissenschaftliche Disziplin der Positiven Psychologie begründet. Der Unterschied zum Konzept des positiven Denkens liegt in der empirischen Begründung des Ansatzes, d. h. es wurden zahlreiche Studien zur Wirksamkeit durchgeführt.

Seligman konnte fünf messbare Elemente definieren, die zum Wohlbefinden beitragen:

  1. positive Emotionen (das angenehme Leben)
  2. Engagement (seine Stärken einsetzen)
  3. Beziehungen (sich zugehörig fühlen)
  4. Sinn (Sinnhaftigkeit erkennen)
  5. Zielerreichung

Die Positive Psychologie liefere basierend auf wissenschaftlichen Befunden Anreize und Ideen, wie man sein Leben erfüllter und positiver gestalten kann, erklärt Robertson, es sei jedoch kein Patentrezept für Glück. »Es benötigt eigenes Engagement und Motivation, um Veränderungen erzielen zu können. Zu einem erfüllten Leben gehören unangenehme Gefühle und der Umgang mit Krisen dazu«, unterstreicht Blasbichler.

KLEINES LEXIKON DES POSITIVEN DENKENS

Sich im Dschungel zwischen Ratgebern und wissenschaftlicher Literatur zurechtzufinden, fällt schwer, deshalb hat Mag. Thomas Blasbichler aus dem Brockhaus Psychologie: Fühlen, Denken und Verhalten verstehen (2009) die Erklärungen der wichtigsten Begriffe für Sie zusammengestellt.

POSITIVES DENKEN

Darunter versteht man die Gestaltung von Denkprozessen, um seelische und körperliche Gesundheit, Glück und Erfolg zu fördern.

POSTIVE PSYCHOLOGIE

Eine wissenschaftliche Disziplin, die untersucht, was Menschen glücklich macht und was zum Wohlbefinden beiträgt.

EMOTIONALE INTELLIGENZ

Sie beschreibt die Fähigkeit, die eigenen Gefühle und die Gefühle anderer erkennen und beeinflussen zu können.

RESILIENZ

Sie beschreibt die Fähigkeit, Lebenskrisen ohne anhaltende Beeinträchtigungen durch – zustehen. Ein Bild für einen resilienten Menschen ist das Stehaufmännchen.

Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

Mag. Thomas Blasbichler – Klinischer und Gesundheitspsychologe, Sportpsychologe, spezialisiert auf Prävention, Coach;

Mag. Dr. Melanie Robertson – Klinische, Neuro- und Gesundheitspsychologin, Sport- und Notfallpsychologin, spezialisiert auf Stressprävention und Akutintervention