Gesunde Bewegung in der freien Natur

Bewegte Momente verringern das Tumorrisiko, senken die Infektionsraten und stärken das Immunsystem.

Wussten Sie, dass sich bereits ein moderates Training, wie es von Ärzten im Gesundheitssport empfohlen wird, positiv auf die physische und psychische Körperabwehr auswirkt? Dr. med. Mag. phil. Richard Kogelnig, stellvertretender medizinischer Leiter im Gesundheitszentrum Park Igls, erklärt im Gespräch, wie Bewegung im Freien das Tumorrisiko verringert, die Infektionsraten senkt und den Organismus ganzheitlich stärkt.

Dr. Richard Kogelnig: Es gibt viele wissenschaftliche Belege für den engen Zusammenhang von Gesundheit und körperlicher Aktivität. Speziell die regelmäßige Bewegung im Freien hat vielfältige positive Effekte auf die Psyche und auf sämtliche Körperfunktionen, vor allem aber auf den Stoffwechsel. So verbessern sich der Zucker- und der Fettstoffwechsel deutlich und der Knochenstoffwechsel wird nachweislich angeregt. Als Folge davon wird die gesamte Knochenarchitektur fester und belastbarer und profitiert ungemein. Anzahl und Größe der Mitochondrien – also der körpereigenen »Verbrennungsmotoren« – in der Muskulatur nehmen zu, so lassen sich die erwünschten Effekte auf den Stoffwechsel, den Grundumsatz und das Köpergewicht leicht erklären.

Dr. Kogelnig: Bewegung in richtiger Dosierung stimuliert natürlich auch das Immunsystem, indem es zu einer Verbesserung der NK-Zellfunktion führt. In unserer täglichen Arbeit im Gesundheitszentrum Park Igls zeigt sich zudem, dass mäßig Ausdauertrainierte mit niedriger Belastungsintensität im Vergleich zu Untrainierten eine signifikant geringere Anzahl von Atemwegs-Infektionen aufweisen. Interessant ist auch, dass für Ausdauersportler ein fünfzig Prozent niedrigeres Dickdarmkrebs-Risiko nachgewiesen werden konnte. Studien zufolge treten Krebserkrankungen bei Leistungsschwachen sogar etwa vier Mal häufiger auf als bei Konditionsstarken. Weitere positive Faktoren, die mit der regelmäßigen Bewegung im Freien einhergehen, sind die Reduktion überschüssiger Kilos und eine deutlich höhere Lebenserwartung.

Dr. Kogelnig: Wissenschaftliche Studien bezüglich Outdoor- versus Indoor-Aktivitäten kommen zu der Erkenntnis, dass es nur geringe Unterschiede zwischen Laufen im Freien und Laufen auf dem Laufband gibt. Dies betrifft jedoch nur biomechanische und -physikalische Faktoren wie die Belastung der Sehnen, der Muskulatur, der Knochen und die Bewegungsabläufe. Trotz unterschiedlicher Untergrundbeschaffenheit outdoor und indoor gibt es also keine signifikanten Unterschiede in der Biomechanik des Laufens – dennoch muss festgehalten werden, dass der Erlebniswert von Bewegung an der frischen Luft und vor allem in der Natur eine besondere Qualität hat. Die optische, akustische, olfaktorische und haptische Wahrnehmung – was wir in natürlicher Umgebung sehen, hören, riechen und fühlen – hat auf das Körpergefühl und die Psyche ausgesprochen wohltuende Effekte, die mit einem Indoor-Training nicht in gleichem Ausmaß zu erreichen sind.

WAS BEWIRKT BEWEGUNG IN DER NATUR IN UNSEREM IMMUNSYSTEM?

  • Es kommt zu einem Anstieg der natürlichen Killerzellen, die bei der Abwehr von Krebszellen eine wichtige Rolle spielen, sowie
  • der Antikörper (Immunglobuline), die für die Abwehr von viralen und bakteriellen Infekten bedeutsam sind. (Antikörper sind spezifische Proteine, die von B-Lymphozyten gebildet werden.)
  • Weiters beobachtet man ein gesteigertes Wachstum bzw. die Vermehrung von Lymphozyten und
  • eine Verminderung des oxidativen Stresses, was sich günstig auf die Erbsubstanz auswirkt. (Oxidativer Stress ist die überschießende Produktion hochreaktiver Sauerstoffverbindungen, die Körperzellen und vor allem deren Genom schädigen können.)

KILLERZELLEN

gehören zur Gattung der T-Lymphozyten, die bei der Abwehr von Krebszellen helfen und von Krankheitserregern befallene Zellen eliminieren.

BEWEGUNG POSITIV FÜR GEHIRN UND PSYCHE

Dr. Kogelnig: Bei körperlicher Aktivität wie Bergsteigen, -laufen, Joggen oder Wandern wird aus dem Nebennieren-Mark das Stresshormon Adrenalin in den Blutkreislauf abgegeben. Dieses wichtige Hormon bewirkt eine vermehrte Bereitstellung von »Treibstoffen« wie Zucker und Blutfetten bzw. Fettsäuren. Zudem bewirkt dieses Stresshormon bereits nach wenigen Sekunden körperlicher Aktivität einen Anstieg der natürlichen Killerzellen. Diese sind von enormer Bedeutung bei der Bekämpfung von Krebszellen und bei der Abwehr von Viren. Auch andere immunkompetente Zellen wie Monozyten, Granulozyten, T- und B-Lymphozyten werden aktiviert.

Dr. Kogelnig: Im Zentralnervensystem kommt es über die Aktivierung der motorischen und sensomotorischen Hirnrinde zu einer verstärkten Freisetzung von Dopamin und Serotonin, das sind Transmittersubstanzen, die die Stimmung anheben. Verstärkt wird ihre Wirkung durch die zusätzliche Ausschüttung von Endorphinen, den sogenannten Glückshormonen, die das Wohlbefinden steigern und ein Glücksgefühl erzeugen. Dies wird vor allem durch die Wahrnehmung sinnlich-ästhetischer Faktoren wie z. B. des blauen Himmels, imposanter Berge, blühender Wiesen, des Rauschens eines Bachs, von Vogelgezwitscher etc. in einer natürlichen Umgebung verstärkt.

Dr. Kogelnig: Vor allem die Symphonie, das Zusammenspiel der verschiedenen Sinnesqualitäten, spielt hierbei eine besondere Rolle. Sie hat bleibende positive Effekte auf unser Gehirn und die Psyche. Studien zu dem Thema bestätigen, dass körperliche Aktivität die kognitiven Fähigkeiten – und hier vor allem die Lernfähigkeit – steigert. Das wiederum lässt sich leicht erklären: Unser Frontalhirn, der Sitz unseres Bewusstseins, hat über sogenannte assoziative Nervenbahnen eine enge Verbindung zu den motorischen und sensomotorischen Hirnarealen.

Dr. Kogelnig: Die Stresshormone sind an diesen Prozessen insofern beteiligt, dass sie nicht wie bei einer starken Stressreaktion im Übermaß ausgeschüttet werden, sondern wohldosiert physische und psychische Funktionen positiv beeinflussen. Auch bei den Stresshormonen gilt also der alte Grundsatz von Paracelsus: „Die Dosis macht das Gift.“

Bewegung im Freien

DIE BEWEGUNG IM FREIEN

Dr. Kogelnig: Grundsätzlich hat jede Art von moderater körperlicher Aktivität positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Zu Beginn eines jeden Bewegungsprogramms ist auf das Aufwärmen von Muskeln und Sehnen zu achten. Darunter versteht man Dehnungs- und Lockerungsübungen. Bei Wanderungen, beim Bergsteigen, Laufen oder Fahrradfahren ist ein langsamer Beginn mit allmählicher Steigerung der Belastung bis zu einer Intensität zu empfehlen, bei der man noch ein Gespräch führen kann. Wandern ist für unsere Gelenke und den Rücken besonders gut. Gelenke, Wirbelsäule, Sehnen, Knochen und Muskulatur werden dabei gestärkt.

Dr. Kogelnig: In Bezug auf körperliche Aktivitäten ist die Ausgangssituation entscheidend: Körperliche Einschränkungen wie Konditionsmangel, Gelenk- und Wirbelsäulen-Beschwerden müssen unbedingt bei der Auswahl von Outdoor-Aktivitäten berücksichtigt und bei einer individuellen ärztlichen Beratung abgeklärt werden.

Dr. Kogelnig: Ich persönlich liebe und bevorzuge das Bergwandern. Es ist ein hervorragendes Herz- Kreislauf- und zugleich ein Krafttraining, da man sein Körpergewicht über viele Höhenmeter hinauf- und hinunterträgt. Außerdem ist es durch die verschiedenen Untergründe ein sehr gutes Koordinations- und Gleichgewichtstraining. Hinzu kommen viele ästhetische Momente, die sich durch herrliche Ausblicke in der Bergwelt ergeben und mir viele schöne bleibende Erinnerungen schenken.

MEHR STRESSRESISTENZ UND RESILIENZ

Im natürlichen Umfeld werden unsere Sinne und damit unser Empfinden viel besser angesprochen. Dies hat überaus positive Effekte auf unser Regenerationsvermögen und steigert die Resilienz – die psychische Widerstandsfähigkeit – sowie die Stressresistenz aller physischen Prozesse. Für unsere Gesundheit im ganzheitlichen Sinn sind Aktivitäten in der Natur von außerordentlichem Wert – für Geist, Seele und Körper. Das wiederum wirkt sich nicht nur lebensverlängernd, sondern vor allem positiv auf unsere Lebensqualität aus.

Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

Dr. med. Mag. phil. Richard Kogelnig –

stv. medizinischer Leiter im Park Igls, Mayr-Arzt und Allgemeinmediziner mit Zusatzausbildungen in Neuraltherapie, Manualmedizin und Akupunktur, Psychologe.