Warum wir regelmäßiges Gehirntraining in unseren Alltag integrieren sollten

Bauch-Beine-Po, Bizeps, Trizeps oder Rücken – mit mehr oder weniger großer Leidenschaft trainieren wir regelmäßig unseren Körper mit sportlichen Aktivitäten. Gezieltes und regelmäßiges Training unserer „Denkzentrale“, dem Gehirn, um die kognitiven Fähigkeiten zu stärken, machen allerdings die wenigsten von uns. »Ein großes Versäumnis«, wie Mag. Dr. Melanie Robertson meint.

Ein gemischtes 52er-Kartenspiel. In unglaublichen 12,74 Sekunden von einem Menschen memoriert. Klingt unmöglich und ist es (beinahe) auch. Nicht aber für das Superhirn Shijir-Erdene Bat-Enkh. Der erst 21-jährige Mongole hält immer noch den Weltrekord in dieser Königsdisziplin der Gedächtnis-Meisterschaften. Der amtierende Schachweltmeister Magnus Carlsen soll in der Lage sein, rund tausend Stellungen für die Kunst des königlichen Brettspiels abzurufen. Bis zu 100 Wörter in nur fünf Minuten prägen sich die besten Gedächtnis-Athleten in ihr Gehirn ein. Beeindruckende Leistungen der menschlichen „Denkzentrale“.

Was sie gemeinsam haben? »Wir wissen heute aus der Wissenschaft, dass derartige Höchstleistungen durch regelmäßiges Training der kognitiven Fähigkeiten erarbeitet sind. Das bedeutet gleichzeitig auch, dass grundsätzlich jeder Mensch fähig ist, sich ein hervorragendes Gedächtnis anzutrainieren«, erklärt Mag. Dr. Melanie Robertson, Klinische und Gesundheitspsychologin sowie Neuropsychologin im Park Igls.

„TRAINIERE DEIN GEHIRN GEZIELT UND REGELMÄßIG“

Freilich brauchen wir Normalsterblichen derartig außergewöhnliche Fähigkeiten wie etwa das Memorisieren von Spielkarten in unserem privaten oder beruflichen Alltag so gut wie nie. Die Botschaft sei aber eine völlig andere, und die habe für unser Leben und unsere Gesundheit höchste Relevanz. Robertson dazu: »Trainiere dein Gehirn gezielt und regelmäßig! Das fördert die mentalen Fähigkeiten und hält fit. Ähnlich wie bei untrainierten Muskeln wissen wir, dass auch die Leistung unserer kognitiven Anlagen mit zunehmendem Alter abnimmt. Entgegenwirken lässt sich sehr gut mit regelmäßigem Trainieren.« Wenn wir uns für unsere äußerlich sichtbaren Körperteile abstrampeln, um geschmeidig und fit zu sein, warum tun wir in Relation so wenig für unsere geistige Fitness?

Von Bedeutung ist das Arbeiten an den kognitiven Fähigkeiten sowie der visuell-räumlichen Wahrnehmung insbesondere auch, weil wir in unserem Alltag heute mit zunehmendem Tempo, Reizüberflutung, Druck, Stress sowie massiv erhöhtem Medienkonsum konfrontiert sind. Idealerweise beginnt man bereits im Kindesalter mit gedächtnisfördernden Übungen. »Es ist wissenschaftlich gut belegt, dass sich schon bei Kindern ein Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und der Fähigkeit, komplexe kognitive Prozesse zu verarbeiten, zeigt«, so Robertson.

Gehirntraining

RELEVANZ IM ALLTAG

Hand aufs Herz: Wir alle kennen uns in Alltagssituationen, in denen wir vergessen. Dinge von der Einkaufs- oder Aufgabenliste, Termine, Geburtstage, Telefonnummern, die wir uns schlecht merken oder Namen von Personen, die uns bei einem Businessmeeting oder in einer geselligen Runde vorgestellt werden. »Das ist«, sagt Robertson, »grundsätzlich in keiner Weise bedenklich, sondern normal und zutiefst menschlich.« Mittels Training und spezieller Techniken, Bewegung sowie gesunder Ernährung lassen sich diese Fähigkeiten und unsere Gehirnfitness allerdings sehr gut verbessern. Mit positiven Effekten: Der Alltag wird leichter und das Gehirn trainiert. Und medizinisch gesehen? Durch gezieltes Training oder neue Erfahrungen bilden sich neue neuronale Pfade und Netzwerke – es entstehen neue Verbindungen (Synapsen) zwischen den Nervenzellen; die Kommunikation zwischen den Neuronen wird verbessert und gestärkt und die Effizienz gesteigert. Man nennt diesen Vorgang die synaptische Plastizität oder Neuroplastizität.

WIR HABEN EINFLUSS

Für eine mögliche Demenz-Prävention gilt die simple Devise: Je mehr Synapsen wir bilden, desto besser. Kognitives Training in Kombination mit einem gesunden Lebensstil kann auch das Risiko einer Demenzerkrankung verringern. »Nur ein sehr geringer, einstelliger Prozentsatz aller Demenzerkrankungen hat eine genetische Komponente«, erklärt Melanie Robertson. Unseren Genen sind wir also nicht hilflos ausgeliefert, wir haben sehr wohl auch Einfluss- und damit Handlungsmöglichkeiten, ist die Expertin überzeugt.

DAS ANGEBOT „WORKOUT FÜRS GEHIRN“

Im umfangreichen Wochenprogramm, das Gäste während ihres Aufenthalts im Park Igls nutzen können, ist Brainfitness als »Workout fürs Gehirn« ein gern in Anspruch genommenes Angebot. Dr. Robertson leitet diese Gruppeneinheiten persönlich und gibt unter anderem ganz individuelle Tipps für den Alltag, wie das Gehirn trainiert werden kann.

»Es sind hier bereits angeführte Situationen, mit denen sich Gäste – aller Altersschichten übrigens – an mich wenden und wofür sie sich Techniken und Strategien erarbeiten.« Wie muss man sich das vorstellen? »Unser aller Alltag ist zunehmend mit Druck verbunden, mit hohem Tempo. Das fordert laufend Anpassung und enorme Flexibilität. Viele unserer Gäste sind oder waren beruflich in sehr fordernden Positionen und Aufgaben tätig, die eine hohe Leistungsfähigkeit des Gehirns erforderten oder noch erfordern. Berufe wie Richterin, Diplomat, Arzt, Spitzenmanagerin, Pilot oder Unternehmerin verlangen oft einen sehr hohen Bildungsgrad, die Ausübenden sind oft mehrsprachig und meistern fordernde Tätigkeiten. Aber hat jemand beispielsweise hervorragende kognitive Fähigkeiten im Bereich des Arbeitsgedächtnisses, heißt das nicht zwingend, dass auch die Handlungsplanung oder fokussierte Aufmerksamkeit gleich gut ausgeprägt ist. Wir besprechen Schwachstellen und zeigen, wie man diese mit Übung gezielt verbessern und gleichzeitig auch die Stärken stärken kann. Aha-Effekt garantiert!«

BRAINFITNESS

Dr. Robertson: „Jeder vergisst einmal etwas, das ist kein Anlass zur Sorge. Nimmt man subjektiv Einbußen wahr, etwa häufiges Vergessen in bestimmten Situationen, kann man das neuropsychologisch abklären lassen. Wir bieten das auch bei uns im Park Igls an. Wir machen dann ein standardisiertes Testverfahren, das etwa eineinhalb Stunden dauert. Das kann auch präventiv sinnvoll sein, weil es in der Regel vor allem Sorgen nimmt.“

Dr. Robertson: „Es kommt gerade bei Menschen mit hohem Bildungsgrad sehr häufig vor, dass sie in der Lage sind, kognitive Einbußen geschickt zu verbergen, oder dies zumindest versuchen. Gerade sie zeigen auch oft extrem wenig Bereitschaft, dies medizinisch abklären zu lassen. Eine gute Strategie in der Partnerschaft kann dann sein, zu sagen: Komm, Schatz, wir machen einfach mal beide gemeinsam so eine neuropsychologische Untersuchung.“

Dr. Robertson: „Wir können unser Gehirn mit verschiedenen Techniken fordern und trainieren, die Möglichkeiten sind da sehr vielfältig. Wichtig ist Regelmäßigkeit, wobei es wie beim körperlichen Training gilt, Routine zu verhindern. Tanzen, eine Partie Schach, das Lesen eines fremdsprachigen Buchs, eine neue Sprache erlernen oder knifflige Denksportaufgaben lösen – das alles sind Dinge, die helfen, die unser Gehirn fitter machen. Und Freude bereiten sie auch.“

Dr. Robertson: „Schlecht ernähren, wenig bewegen, Alkohol in Unmaßen oder Rauchen sind ja bekannte Krankmacher, die dem Gehirn schaden und Nervenzellen zerstören. Alles, was wir von den Säulen der Modernen Mayr-Medizin kennen, fördert unsere Gesundheit. Ausreichend Schlaf und genug zu trinken wirken sich ebenfalls sehr positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit aus.“

Dr. Robertson: „Bleiben Sie doch einfach neugierig im Sinne von wissbegierig und in Bewegung – das ist ein einfaches, aber wunderbares und wirkungsvolles Rezept!“

5 ÜBUNGEN FÜRS GEHIRN, DIE SICH EINFACH IN UNSEREN ALLTAG INTEGRIEREN LASSEN, EFFEKTIV SIND UND AUCH SPASS MACHEN

Klingt ganz sicher viel einfacher, als es ist. Tipp: Fangen Sie nicht mit dem Namen dieser Gemeinde im Süden der Insel Anglesey im Nordwesten von Wales an, sie bringt es auf 58 Buchstaben: Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch. Aber schreiben Sie uns doch, wenn Sie das können.

Und im Anschluss versuchen, den Inhalt beziehungsweise die Inhalte wiederzugeben. Was gerne in Fremdsprachentrainings geübt wird, ist eine großartige Brainfitness-Übung.

Regelmäßig Menschen treffen ist ja ohnehin wunderbar. Sind Ihre Kontakte aus verschiedenen Altersgruppen, vielleicht auch noch aus unterschiedlichen Kulturkreisen und sind zur Konversation womöglich Fremdsprachen erforderlich? Fantastisch, das ist beste Brainfitness.

Kreuzworträtsel oder Sudoku machen das Gehirn fitter. Warum also nicht einmal pro Woche damit ganz bewusst arbeiten? Das ist ein abwechslungsreiches Training fürs Gehirn.

Vokabeln fallen einem in der Regel nicht in den Schoß, man muss sie sich erarbeiten. Und das ist richtig gut so! So wird unser Gehirn gefordert und dann werden wir auch noch mit besseren Fremdsprachenkenntnissen belohnt. Zehn neue Vokabeln pro Tag, das schaffen Sie doch locker!

Gesundheitszentrum Park Igls in Tirol

Mag. Dr. Melanie Robertson –

Klinische, Neuro- und Gesundheitspsychologin, Sport- und Notfallpsychologin, spezialisiert auf Stressprävention und Akutintervention